1.12.2017 - Ausgabe Nr. 1462

Nordautobahn durch das Weinviertel: Heute herbeigesehnt, damals umstritten



Die rund 280 Millionen Euro teure Verlängerung der Nordautobahn A5 um 25 Kilometer von ihrem derzeitigen Endpunkt bei Schrick bis Poysbrunn, für die am 8. Dezember die Eröffnung erfolgt, wird bis zu zwei Dritteln des Schwerverkehrs aus den transitgeplagten Ortschaften abziehen, damit 10.000 Anrainern mehr Lebensqualität verschaffen sowie Firmen und Pendlern deutlich kürzere Fahrzeiten von und nach Wien bescheren. Der neue Streckenabschnitt der A5 wertet das Weinviertel als Wirtschaftsstandort weiter auf.

Doch war die Nordautobahn in den 1990er Jahren, als erste Planungen zur Verwirklichung des Infrastrukturprojektes gewälzt wurden, alles andere als ein unumstrittenes Bauvorhaben. Das Land Niederösterreich gab erst spät und erst in Anbetracht des rasanten Verkehrswachstums sowie aufgrund des Drucks von lokalen Politikern, Wirtschaftstreibenden und Pendlern sein Okay zum Bau der A5. Der NÖ Wirtschaftspressedienst zitiert einige Stimmen aus dieser bewegten Zeit.

„Der Bau der Nordautobahn ist aus verkehrspolitischer Sicht nicht zu rechtfertigen.“ Diese Meinung vertrat der Bundesstraßenreferent des Landes Niederösterreich, Helge Ebner, im Herbst 1993. Seine Begründung: „Der Verkehr auf der Brünner Straße B7 ist großteils hausgemacht. Da nützt eine Autobahn überhaupt nichts.“ Nördlich der Abzweigung nach Mistelbach sei das Verkehrsaufkommen sogar dermaßen gering, dass nicht einmal Umfahrungen, geschweige denn eine Autobahn oder Schnellstraße, notwendig seien, meinte Ebner.

Schon damals ganz anderer Ansicht waren die Vertreter der regionalen Wirtschaft. Für ÖVP-Nationalrat Walter Riedl aus Laa/Thaya war die Nordautobahn eine „Überlebensfrage“ für das Weinviertel. „Wir brauchen eine Verbindung, die den Fern- vom Nahverkehr trennt. Es kann keine Lösung sein, jede kleine Ortschaft mit einem Bauch zu umfahren, dadurch werden unsere Orte zu Satellitenstädten.“

Schließlich gehe es auch um die Standortqualität des Weinviertels. Riedl anno 1993: „Glauben Sie, dass sich zu uns ein Betrieb setzt, der nicht weiß, ob er nach Wien eineinhalb Stunden braucht oder zehn Minuten?“

Die mangels Hochleistungsstraße schlechte Anbindung des Weinviertels an den Ballungsraum Wien war auch mit ein Grund, warum viele Bürgermeister der Region, die ursprünglich Gegner der Nordautobahn waren, schließlich doch zu Befürwortern wurden. Anfang der 1990er Jahre sprach sich nämlich noch eine Mehrheit der Ortschefs gegen das Vorhaben aus. Trotz steigendem Verkehrsaufkommen „ist ein Autobahnprojekt auf Grund der politischen und gesellschaftlichen Situation nicht durchsetzbar“, zeigte sich der Wolkersdorfer Bürgermeister Franz Holzer dazumal überzeugt.

Außerdem hätten die Umweltschutzgruppen und Bürgerinitiativen zu viel Macht gewonnen, sodass eine vernünftige Verkehrspolitik überhaupt nicht mehr möglich sei, meinte Alfred Esberger, Bürgermeister von Bockfließ: „Die Umweltschutzgruppen sind stur und kompromisslos, selbst wenn man vernünftige Vorschläge zur Diskussion stellt.“

Überraschend gelassen nahm damals das Gerangel um die Nordautobahn der Bürgermeister von Bad Pirawarth, Gerhard Swoboda, obwohl seine Katastralgemeinde Kollnbrunn an der B7 von der Verkehrslawine besonders betroffen war: „Autobahn oder Umfahrungen - ja oder nein, ist mir egal. Die Verkehrsexperten sollen sich da den Kopf zerbrechen.“

Ein anderer Gemeindevater griff 1993 - obwohl von einer Trassenführung der A5 natürlich noch überhaupt keine Rede sein konnte - schon einmal vorsorglich auf das Floriani-Prinzip zurück. „Wir hätten schon gerne eine leistungsfähige Straße durch das Weinviertel“, erklärte Wildendürnbachs Bürgermeister Josef Fritz, schränkte jedoch gleich ein: „aber nicht bei uns!“

Zwei treibende Kräfte hinter dem Projekt der Nordautobahn waren insbesondere der damalige NÖ Landeshauptmannstellvertreter Hannes Bauer von der SPÖ sowie der ÖVP-Landtagsabgeordnete und Obmann der Bezirksstelle Mistelbach der NÖ Wirtschaftskammer, Georg Hoffinger. „Ohne eine leistungsfähige überregionale Verkehrsverbindung entwickelt sich das Weinviertel zu einer Verkehrshölle“, prognostizierte Hoffinger im Jänner 1995. Mit täglich rund 18.000 bis 20.000 Fahrzeugen an der Wiener Stadtgrenze sei die Brünner Straße B7 an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit angelangt. Das Weinviertel dürfe nicht zum „verkehrspolitischen Stiefkind Niederösterreichs“ werden, mahnte Hoffinger.

Hoffingers Arbeit auf politischer Ebene in Sachen A5 hat dann in den 2000er Jahren Karl Wilfing, zu dieser Zeit ebenfalls VP-Landtagsabgeordneter und Bürgermeister von Poysdorf, fortgeführt. Er machte u.a. mit nackten Zahlen Druck, war doch z.B. allein von Anfang Mai bis Ende August 2004 der Lkw-Verkehr auf der Brünner Straße B7 gegenüber dem Vergleichszeitraum 2003 um 75 Prozent von 16.000 auf 28.000 Fahrzeuge gestiegen. Die Zahl der Pkw und jene der Autobusse hatten um jeweils zehn Prozent zugenommen. „Die Ergebnisse der Verkehrszählung machen deutlich, dass wir die Nordautobahn A5 im Weinviertel unbedingt brauchen“, forderte Wilfing im Dezember 2004. (mm)

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